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Glaubwürdigkeit

Ich bin schon halb in der Jacke, da ruft mich das «Quak, quak, quak» meines iPhones. Es ist kurz nach Feierabend, das Büro schon halb verlassen.

ralf turtschi Doebeli ist dran, der auf XING immer so eifrig aktiv ist. «Hallo Marco, schön dass du anrufst, wie häsch?»

«Super, und du?»

«Auch gut, danke.»

«Was meinst du als Schreiberling dazu, was da gegen den Nationalbankpräsidenten im letzten Dezember gelaufen ist?»

«Das ist doch längst gegessen. Warum fragst du?»

«Ach weisst du, was mich ärgert, ist weniger der Fall Hildebrand an sich, sondern das Denunziantentum, die gaffenden Medien, das scheinheilige Einfordern der Unfehlbarkeit. Man könnte meinen, die Welt bestünde aus Schwarz und Weiss.»

«Na ja, wer in der Öffentlichkeit steht, muss sich halt gefallen lassen, dass mit 1200 ppi und 24 bit gescannt wird, oder?» Ich eile mit fliegendem Mantel und dem Handy am Ohr Richtung Ausgang. Ein bissiger Wind treibt Schneeflocken fast waagrecht durch den Hof.

«Ja, schon, aber wenn einer etwas getan hat, das er nicht beweisen kann, und seine Gegner können aber auch das Gegenteil nicht einwandfrei beweisen, dann ist es doch so, dass er im Zweifelsfall schuldig ist, keinen Beweis erbracht zu haben. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als aufrecht zu bedauern, mit bekleckerter Weste keinen glaubwürdigen Job mehr machen zu können.»

Ich will im Schneetreiben so schnell wie möglich zur Tramhaltestelle, was sich mit Handy, Aktentasche und Schirm am Ohr als etwas umständlich herausstellt. Ich bin ein typischer Nischen-Steh-Telefonierer.

Doebeli sieht das nicht ein und blafft wenig sensibel: «Es ist schon schlimm um uns bestellt, wenn ein Kampfblatt mit halbwahren Behauptungen eine Inszenierung schafft, die einem kompetenten Amtsinhaber den Kragen platzen lässt, weil er nicht erpicht darauf ist, offenzulegen, ob die letzte Rechnung von Black Socks in Dollar oder in Franken bezahlt worden ist. Als Leser weiss man nie, auf welcher Seite die Lügner und Gauner stehen.»

«Das sehe ich nicht ganz so. Es ist überhaupt nicht bewiesen, ob Blocher gelogen, notgelogen, geschummelt, geflunkert, die halbe Wahrheit gesagt oder nur Tatsachen verdreht hat, dies nicht nur beim Deal mit der ‹Basler Zeitung›, jetzt wieder.»

«Doch, doch, gelogen hat er, faustdick, am Fernsehen, und ist gewählter Zürcher Nationalrat. Das höchste Gut eines Amtsträgers ist die Glaubwürdigkeit, der ist doch nicht mehr handlungsfähig, der muss doch zurücktreten.»

«Das würde ich nicht fordern, dann rutscht der abgewählte Schlüer schon wieder nach.»

«Ja und die Journis, eine Katastrophe! Die schreiben nur voneinander ab, ist doch zum Kotzen. Alle schreiben von ‹bestens vernetzt›, dabei hat keiner eine Ahnung. Und zum Schluss gings noch um Formulierungen in E-Mails, ich kann dir sagen, schreib nie wieder in Wir-Form, du kannst nie wissen, was die daraus drehen werden.»

«Mmh, die Macht der Medien …» bin ich versucht, Doebelis Tirade auf die von Presse und FIS aufgewirbelte Unterwäsche der Skiläuferin Tina Maze umzulenken. Döbeli holt kurz Atem, um dann nachzudoppeln. «Und weisst du, was mich auch noch stört? Dass der Briefträger bisher das Bank- und Postgeheimnis kompromisslos durch alle Böden verteidigte. Und was macht dieser Typ: Er verklickert die gefakten Kontodaten dem Bundesrat, das geht doch nicht, völlig unglaubwürdig der Typ, lügt sogar im Fernsehen wie gedruckt.»

Den Schirm einhändig in der Senkrechten haltend, kämpfe ich mich durch den Schneematsch Richtung Tramstation.

«Marco, der Journalismus hat sich halt geändert. Der Dauererregungszustand ist normal und die nötige Coolness will das Volk offenbar nicht wahren, das ist öffentlich-rechtliches Dschungelcamp mit Stargästen, die Silbenwürmer fressen. Das nennt sich Fressefreiheit. Wichtig bei einem Amtsträger ist eine 105%ige weisse Persilweste. Wenn er einen kleinen Spaghettispritzer hat, dann werden sämtliche Intimitäten im Javelwasser gebleicht. Sollen die doch den Blocher mal füdli­blutt ausziehen, dann käme wohl die Weltwoche aus der Unterhose. Und ich möchte mir verbitten, in diesem Zusammenhang von geistiger Inkontinenz zu sprechen.»

Jetzt wird Döbeli zynisch: «Aber nicht bei Ringier, oder?»

«Du Marco, jetzt kommt dann gleich mein Tram …»

«Die Medien sind doch überall gleich tendenziös, schau mal nur im Verbandsblatt Viscom, 1⁄2012, dort steht: ‹Mit einem Stim-menanteil von 90% akzeptierten die Delegier-ten anlässlich der a. o. Delegiertenversammlung vom 1. Dezember 2011 in Bern einen höheren Beitrag pro Berufsfachmann⁄-frau in den Berufsbildungsfonds.› Kein Wort darüber, um wie viel es geht. Im Handelsamtsblatt vom 14. Oktober 2011 ist die Änderung des Regle-ments des Berufsbildungsfonds Grafische Berufe mit einer Beitragserhöhung von 200 auf 300 Franken publiziert. Die Erhöhung wurde also vor der Delegiertenversammlung beschlossen, das ist doch der Hammer, oder?»

«Weisst du denn, weshalb der Viscom den Fehlbetrag und die Zusammenhänge nicht erwähnte? Will man etwas unter den Tisch kehren? Weshalb wurde der Betrag, der a l l e Betriebe mit beschäftigten Polygrafen betrifft, überhaupt erhöht? Sind bei der Bundesverwaltung nicht auch Polygrafen beschäftigt?

«Das ist genau der Punkt», Doebeli senkt den Tonfall, «ja keine Fehler zugeben und alles unter dem Deckel halten. Das Ganze basiert ja auf einer freiwilligen Deklaration. Wenn die den Beitrag 50% erhöhen, dann gebe ich das nächste Mal 50% weniger Personal an und stelle einfach keine Polygrafen EFZ mehr ein, nur noch Deutsche und Quereinsteiger, die sind jetzt 300 Stutz günstiger, aber das bleibt unter uns, gell. Die Delegierten hatten nur die Möglichkeit, den Vorstandsbeschluss durchzuwinken, hinterher tönt ‹akzeptieren› viel besser als durchwinken, das läuft wie in der russischen Duma. Totale Wortkontrolle.»

«Sind SVPler unter den Delegierten?»

«Es hat auch solche, die sind nicht bei der SVP.»

«Schon? 10%? Es kann natürlich auch sein, dass die Nicht­ratifizierung zu einem noch grös­seren finanziellen Desaster geführt hätte, als die heute schon haben. Es fehlen bei diesem Insiderhandel immerhin 800 000 Franken. Deshalb haben sie wahrscheinlich beschlossen, die überbetrieblichen Kurse in Zürich ab August 2012 nach Aarau zu verlegen. Der Lehrling aus Braunwald hat eine Anreisezeit von etwa drei Stunden. Gschpunna.»

«Weisst du, ich habe da etwas von ganz oben, top secret, die spekulieren mit den Fondsschulden. Fifty-fifty US-Dollar∕Schweizer Franken. Hast du aber nicht von mir.»

«Klaro. Wenn die Nationalbank den Franken bei 1.25 anbindet, dann gibts für die Getreuen einen satten Bonus für jeden angestellten Polygrafen, der dem Mitgliederbetrag direkt abgezogen wird, warts ab!»

«Das sind doch alles Spekulationen.»

«Ja, genau. Sag mal, wie viele Delegierte sind eigentlich beim Viscom?»

«82. Stehen alle auf der Viscom-Website.

«In Facebook sind die nicht, gell?»

Doebeli hustet heiser: «Nein, wir könnten das Gesicht verlieren.»

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