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Polygraf/Polygrafin 2007 –visionär oder praxisfremd?

Der Bildungsplan für die Polygrafenausbildung gleicht einer Fata Morgana: Je näher man kommt, desto mehr löst sie sich in Luft auf. Ob die hochgesteckten Bildungsziele des ver­antwortlichen Branchenverbandes Viscom verhindern oder fördern, versucht die ­Analyse über die berufliche Grundbildung aufzuzeigen.

RALF TURTSCHI* Der Beruf des Schriftsetzers hat sich seit den 70er- Jahren stark geändert. Der Foto- und Filmsatz hat den Typografen ins Leben gerufen, die Desktopwelle fasste die Berufe Lithograf, Reproduktionsfotograf und Typograf zum heutigen Poly­grafen zusammen. Die alten Fachbereiche Bild und Text mussten jetzt einer neuen Verordnung über die berufliche Grundbildung, die seit 1. Januar 2007 in Kraft ist, Platz machen. Darin sind zwei neue Fachbereiche vorgeschrieben: Medienproduktion und Mediengestaltung.

Ausbilden können Premediabetriebe, Druckvorstufenbetriebe, grafische Unternehmen, Grafikateliers, Werbeagenturen oder Multimediadienstleister. Die Ausbildung dauert 4 Jahre und findet an drei Lernorten statt: im Lehrbetrieb, in der Berufsfachschule und in den überbetrieblichen Kursen (üK).

Jeder Betrieb, der mindestens eine qualifizierte Berufskraft zu 100% beschäftigt, darf einen Lernenden ausbilden. Mindestens eine Person muss einen Berufsbildnerkurs absolviert haben. Ein Berufsbild wird von den Berufsverbänden in Fachkommissionen erarbeitet und vom BBT (Bundesamt für Berufsbildung und Technologie) in Form einer Verordnung in Kraft gesetzt. Mitwirkende sind die Paritätischen Berufsbildungsstelle PBS, arbeitgeberseits der Viscom (Verband für visuelle Kommunikation), arbeitnehmerseits die Comedia und die Syna, Mitwirkende sind auch Vertreter der Berufsfachschulen und Fachleute aus den Betrieben.

 

Prämissen

Die Tätigkeit des Polygrafen setzt bestimmte berufliche Kenntnisse voraus, die zu Fertigkeiten und Wertschöpfung führen. Es ist also nicht das Wissen, welches für Umsatz sorgt. Die Branche braucht Fachkräfte, die nicht nur viel wissen, sondern das Wissen auch in die Praxis umsetzen können. Umgekehrt führt praktische Tätigkeit ohne Wissen zu Fehlern. Die Grundbildung muss also ein austariertes System sein, welches ermöglicht, die Theorie in Wertschöpfung zu transferieren. Wenn nun eine bestimmte Anzahl Tage und Stunden Ausbildungszeit zur Verfügung steht, dann muss das Ausbildungssystem garantieren, dass das Wissen im Lehrbetrieb praktisch umgesetzt und gefestigt werden kann. Dabei weiss jeder, dass praktische Festigung gleichbedeutend mit Wiederholung ist. Sie kann nur im Betrieb erlernt werden, nicht in der Berufsfachschule und nicht im üK. Es geht nicht an, zum Beispiel Typografie der Berufsfachschule zu delegieren. Man kann Typografie nicht auswendig lernen, man muss sie täglich erfahren. Die praktische Festigung benötigt Zeit, und zwar viel mehr Zeit, als die Vermittlung von theoretischem Grundwissen erfordert. Man kann Bildverarbeitung einmal zeigen, um Bildverarbeitung zu können, muss man die Tätigkeit x-mal ausführen.

 

Die Lehrzeit

Nach dem Abzug von Ferien, Absenzen und Schulzeit resultieren ungefähr 44 Wochen/Jahr praktische Ausbildungszeit. Wenn die BMS besucht wird, ist die betriebliche Anwesenheit pro Woche 3,5 Tage. Wenn ein halber Tag BMS (je nach Kanton) auf den Samstag fällt, wird dieser Halbtag üblicherweise von den Betrieben unter der Woche freigegeben. Der Lernende ist also 3 Tage im Betrieb, ohne BMS 4 Tage. In der Regel (nicht überall) wird das 1. Lehrjahr ganz in der Berufsfachschule verbracht, wo ja teilweise auch praktisch gearbeitet wird. Es verbleiben 3 Lehrjahre zu etwa 44 Wochen, total 132 Wochen praktischer Ausbildungszeit im Betrieb. Der Bildungsplan und der Modelllehrgang sollten so ausgelegt sein, dass auch ein BMS-Lernender den Stoff bewältigen kann. Die nebenstehende Grafik zeigt die betriebliche Lehrzeit im zeitlichen Vergleich. Sie ging nach dieser Faustrechnung in 10 Jahren um 25% zurück, für den BMS-Lernenden um 31%. Ein Lernender mit BMS verbringt heute 56% weniger Zeit im Betrieb als ein Lernender vor 10 Jahren ohne BMS. Das heisst nun nicht, dass in der ausserbetrieblichen Zeit nichts Praktisches gelernt wird. Es ist aber eindeutig, dass die Festigung am Computer ganz massiv geschwunden ist. Verschärfend wirkt sich aus, dass immer mehr Stoff aufgenommen wurde. Zum Text kam das Bild hinzu, oder umgekehrt, je nach Sichtweise. Heute sind im Bildungsplan zusätzlich die Themen Präsentation, Multimedia und Webdesign enthalten, die auf dem Bildungsmarkt heute eigenständige Ausbildungen mit Fachausweis darstellen. Der aus­senstehende Beobachter schüttelt ob dieser Respektlosigkeit den Kopf. Soll da Webdesign aus dem Hosensack gezaubert werden? Während die praktische Ausbildungszeit um einen Viertel bis um einen Drittel abnahm, wurde der Ausbildungsstoff in der gleichen Zeit um das Doppelte bis Dreifache aufgebläht. Das führt zwingend zu einer schleichenden Oberflächlichkeit, die praktischen Fertigkeiten in einer gewissen Effizienz (und damit die Wertschöpfung) leiden.

 

Politische Aspekte

Die reglementierte Berufslehre hat der Schweiz einen breiten Wohlstand verschafft. Es muss das gesellschaftspolitische Ziel aller Beteiligten sein, diesen Wohlstand weiter zu erhalten und zu fördern. In einem ersten Schritt ist es wichtig, Lehrplätze zu schaffen, um den Jugendlichen den Schritt von der Berufsfachschule in die Berufswelt zu ermöglichen. Es ist eine unternehmerische und soziale Dummheit, die Ausbildung «den andern» zu überlassen. Jede einzelne Lehrstelle zählt! Die Behauptung, man könne nicht ausbilden, ist ein armseliges Eingeständnis von Passivität, Unfähigkeit und sozialem Desinteresse. Aus der Praxis höre ich von 50–100 Bewerbungen pro offene Lehrstelle. Welche Verschwendung von personellen Ressourcen, eine Schande! Es ist so leicht, gutes Personal bei den Schulabgängern zu rekrutieren, die Chance kehrt nie wieder. Polygraf/Polygrafin ist offensichtlich ein attraktiver Beruf. Ich habe volles Verständnis für den politischen Ruf einer Strafsteuer für Betriebe, die nicht ausbilden, für einen wieder erwachenden Ruf nach einer schulischen Polygrafenausbildung – so wie es bei den Grafikern auch möglich ist, die Lehre in der Berufsfachschule zu absolvieren.

 

Wer soll das alles ausbilden?

Es geht zuerst einmal darum, den Jugendlichen die Tür zur Berufswelt überhaupt zu öffnen. Erst danach stellt sich die Frage einer optimalen Ausbildung. Es ist wichtiger, einen Lehrplatz mit suboptimalen Voraussetzungen anzubieten, als gar nicht auszubilden. Denn die praktische Ausbildung ist von Betrieb zu Betrieb sowieso unterschiedlich. Die Ausbildung hängt nicht nur von der betrieblichen Infrastruktur ab, sondern auch von der persönlichen Betreuung und von den Jobs, die im Betrieb vorliegen. Es gilt ja auch noch, Sozialkompetenzen oder Arbeitstechniken zu entwickeln. Die Ausbildung soll die Qualifikation für die Arbeitsmarktfähigkeit im Auge haben. Die Frage, die sich stellt, ist die: Darf oder soll ein Betrieb mit einer einseitigen Auftragslage Polygrafen ausbilden? Zum Beispiel in einem Lettershop, wo «nur» Mailings hergestellt werden? Oder in einer Webagentur, wo «nur» Websites gestaltet werden? Es darf nicht passieren, dass es Betriebe gibt, die davon abgeschreckt werden und keine Ausbildungsplätze anbieten. Genau das geschieht, wenn die Ausbildungsbreite zu gross wird. Es gibt kaum Werbeagenturen, die Polygrafen ausbilden. Eine Webdesign-Agentur sollte auch Polygrafen ausbilden können, aber das Thema PDF/X Ready oder das Thema Proof­ing oder Plattenbelichtung stellt sich dort nicht. Ein Premediabetrieb ist von Standards abhängig, PDF und Proofing sind unabdingbar, Multimedia interessiert da nicht. Der Bildungsplan sollte so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner festhalten und eher niederschwellig, aber mit Wahlfreiheit in einem Modulsystem, ausgelegt werden.

 

Paradigmawechsel

Für die Lösung des Problems kann man an zwei Hebeln ansetzen: den Ausbildungsstoff reduzieren oder die Lernzeit verlängern. Hier ist festzustellen, dass die berufliche Grundbildung noch immer zwischen Schulzeit und Volljährigkeit liegt. In diese Zeit versucht man nach wie vor, die ganze Grundbildung hineinzustopfen, was unweigerlich zu einer Überfüllung führt. Besser wäre es, ein Baukastensystem mit Kreditpunkten zu kreieren, die in einzelnen Fachkompetenzbereichen zu erwerben wären. Die Grundbildung hört mit der vierjährigen Ausbildungszeit nicht auf. Lebenslanges Lernen, das ist ein unbestrittenes Postulat. Das Berufsbild Polygraf würde zum Beispiel aus 10 Lernmodulen bestehen. Wer davon wahlweise 7 gelernt hat, kann eine Prüfung absolvieren. Bei bestandener Prüfung schreibt man die 7 Module in den Fähigkeitsausweis. 3 weitere Module schafft eine Berufsfrau oder ein Berufsmann vielleicht zwei Jahre später, nebenberuflich, und qualifiziert sich weiter. Solche Bildungswege mit Qualifikationsverfahren existieren im Marketing oder in der Werbung, wo es Vorbereitungslehrgänge gibt, die zu einer Prüfung mit Fachausweis führen. Es gibt zwar den Techno-Polygrafen, den Typografischen Gestalter, den Korrektor und die höheren Ausbildungsstufen. Es fehlt jedoch an einer Fortbildung in der Grundstufe. PDF, Color-Management, 3-D-Design, Webdesign, Multimedia, Corporate Identity, Transpromodruck, Medienrecht, Flash, Texten, Datenbanken, Automatisierung usw., die Tätigkeitsfelder in der grafischen Branche sind vielfältig. Hier müssten die Verbände eine Brücke schlagen zwischen der abgespeckten Grundbildung und anerkannten Bildungswegen mit Fachausweis. Ob dann «eidg. dipl.» darauf steht oder «Viscom-VSD-anerkannt», spielt keine Rolle. Es wird in Zukunft nicht möglich sein, noch mehr ins Berufsbild ­hineinzupacken.

Auch in der grafischen Branche gibt es Migrationsströme. Quereinsteiger entdecken eine neue Berufswelt, sie sollen sich als Erwachsene für die Berufsfelder der grafischen Branche qualifizieren können, IT-Leute stellen datenbankgestützte Kataloge her und Laien gestalten mit Redaktionssystemen Medienprodukte – gelebte Praxis. Sie alle würden von einem modulartigen Grundbildungssystem profitieren, das ins Erwachsenenleben hineinreicht. Es ist ja nicht so, dass die Verbände alles selbst in die Hand nehmen müssten, der Bildungsmarkt ist gross und entwickelt genug. Als Beispiel führe ich die Zertifizierung PDF/X Ready auf, die auf private Initiative von Adobe und Print­Online entstand. Sie zeigt, dass es möglich ist, die offiziell reglementierte Starre zu überwinden. In diesem Sinn sind weitere Qualifikationen koordiniert zu entwerfen.

 

Was kostet ein Lernender?

Ein häufig aufgeführter Grund für die Nichtausbildung ist die Kostenfrage. Nach Verbandsempfehlungen verdient ein Lernender vom 1. bis zum 4. Lehrjahr: Fr. 300.–, Fr. 800.–, Fr. 1100.– und Fr. 1600.–. Die Lohnkosten in den ersten beiden noch ziemlich «unproduktiven» Lehrjahren sind bei etwa 15 000 Franken. In der zweiten Lehrhälfte sind rund 35 000 Franken zu investieren. Dazu kommen die Kosten von 7 üKs: Fr. 6300.–. Rechnet man einmal mit einem verrechenbaren Stundensatz von 120 Franken, braucht man rund 470 Stunden produktiver verrechenbarer Zeit, mit denen der Lehrlingslohn im 3. und 4. Lehrjahr «herausgeholt» werden müsste. Umgerechnet von einer betrieblichen Anwesenheit von 132 Wochen × 3 Tage × 8 Std. = 3168 Std. – eine Produktivität von rund 15%, mit der die Lohnkosten «herausgeschlagen» werden können. Dabei sind Lohnnebenkosten und Arbeitsplatzkosten aber nicht enthalten, und selbstverständlich gibt es auch beim Stundenansatz Unterschiede. Dennoch zeigt die Milchbüechlirechnung, dass das Kostenargument nicht taugt, sich um die Ausbildung zu foutieren. Im Gegenteil, es lässt sich sogar Wertschöpfung erzielen.

 

Papiertiger Bildungsplan

Im vorgelegten Bildungsplan wird nach Leitzielen, Richtzielen und Leistungszielen unterschieden. Was in der Theorie mit einem Satz noch funktioniert, ist in der praktischen Umsetzung schon schwieriger. Zum Beispiel heisst es: «Polygraf/-innen sind in der Lage, die Autorenrechte, das Copyright sowie ethische Grundsätze in der Praxis anzuwenden.» Das kann alles und nichts bedeuten. Wenn man nun im Modelllehrgang oder in einem separaten Papier das Thema nicht näher erläutet, ist das sehr praxisfremd. Der Lehrbetrieb kann damit gar nichts anfangen, weil die Formulierung in der Theorie stecken bleibt. Bildungsplan und Modelllehrgang sind Papiertiger, die eher abstos­send wirken. Das Leistungsziel «Webeditoren praxisgerecht anwenden» ist per se kein Ziel, weil es nicht quantifiziert ist und nicht kon­trollierbar erreicht werden kann. Das entsprechende Ziel wäre «eine zweistufige Website inklusive E-Mail so programmieren, dass sie auf einem Webserver funktioniert.» «Die grundlegenden Fertigkeiten des Freihandzeichnens anwenden» ist auch so eine Formulierung, welche nur Fragezeichen auslöst. Muss der Poly­graf neuerdings auch Freihandzeichnen? Geht es da um eine Schmierskizze oder um die perspektivische Darstellung eines Dorfplatzes? Solche theoretischen Bildungsinhalte sind in der Breite und Tiefe beliebig interpretierbar und lassen den Lehrbetrieb allein.

Der Bildungsplan und der Modelllehrgang sind nötig, um ein Berufsbild zu beschreiben – es dient den jungen Berufssuchenden, den Betrieben, den Lehrkräften und Berufsbildnern. Die «Schwangerschaftszeit» von gut 4 Jahren, welche für den Entwurf, die Vernehmlassung und die Genehmigung budgetiert werden muss, entspricht in etwa einem Wissenszyklus, den die Branche heute durchläuft. Kaum gedruckt, ist der Bildungsplan schon veraltet. Vor vier Jahren war XML noch kein Thema, heute ist XML in der Automatisation ein unabdingbarer Standard. Eine sprachliche Vertheoretisierung des Berufes im Bildungsplan ohne konkrete Handlungsanweisungen im Modelllehrgang führt deshalb nicht zu einer guten Qualifikation. Eher löst es Fragezeichen auf, statt klärend zu wirken.

Lebenslanges Lernen ist eine oft gehörte Vokabel. Wie schlägt sich dieses Prinzip in einem Bildungsplan der Grundbildung nieder? Wo hört die Grundbildung auf und wo beginnt die Fortbildung? Wie sind also Bildungsplan und Modelllehrgang heute und in 5 Jahren in der betrieblichen Praxis zu interpretieren? Immerhin sind die Betriebe verpflichtet, den Bildungsplan und die Ausbildung mit Lerndokumentation und den Vorgaben entsprechend einzuhalten. Aber soll man im Betrieb wirklich jeden offensichtlichen Unsinn mitmachen? Oder darf, ja muss man den Bildungsplan in einem Anflug kreativen Ungehorsams sehr, sehr grosszügig interpretieren?

 

Ausbildungsverbund

Neu können sich Lehrbetriebe zu einem Ausbildungsverbund zusammenschliessen. Auf den ersten Blick die logische Lösung für das überladene Ausbildungsprogramm. Wer beispielsweise Webdesign nicht ausbilden kann, der sucht sich eine Webagentur, die das übernimmt. Und die Webagentur sucht sich die Druckerei, in der die fehlende Druckplattenbelichtung nachgeschult werden kann. Die Lehre in einem Ausbildungsverbund anzubieten, ist zwar richtig angedacht, aber zum Scheitern verurteilt, weil die Lehrbetriebe nicht einmal wissen, wer links und rechts von ihnen sonst noch ausbildet, geschweige denn in welcher Fachrichtung. Ein Datenaustausch innerhalb der Lehrbetriebe findet nicht statt, es gibt keine Plattform, worauf ein Austausch mit gleichgesinnten Ausbildnern oder ein Weitervermitteln von guten Bewerbern möglich würde. Sogar der Informationsfluss zwischen den Lehr­orten funktioniert nicht. Die Betriebe wissen nur vage, was die Berufsfachschule unterrichtet und umgekehrt. Der Viscom muss sich hier den Vorwurf gefallen lassen, die Verbundidee nicht richtig und nützlich umzusetzen. Warum nicht eine gesamtschweizerische Liste mit Zugangscode veröffentlichen, in der alle Berufsbildner und Betriebe mit Kontaktadresse aufgeführt sind? Hier müssen auch die Kantone beziehungsweise die Berufsbildungsämter ihre Verantwortung als Aufsichtsorgane besser wahrnehmen.

So wie der Bildungsplan heute aufgesetzt ist, wird er in der Praxis kaum funktionieren. Als genialer Alleskönner muss der Polygraf demnach technisch ein Netzwerk betreuen können (Mac und Windows), er muss gestalterisch konzipieren und ausführen können, seine Gestaltungen präsentieren, er muss sich im Audio- und Videobereich auskennen, einfache Websites herstellen, Printprodukte erzeugen und farbverbindlich ausgeben. Verblendete Pläne, weit weg von der Praxis. Der Polygraf ist primär ein ausführender Beruf. Polygraf ist ein handwerklicher Umsetzer, ein Datentransformierer, kein Gestaltungsstratege, kein Netzwerkspezialist und schon gar nicht ein Kundenkontakter. Ich wünsche mir, dass der in der Verantwortung stehende Verband Viscom statt «und, und, und» «entweder oder» andenken würde.

 

Lehrlingszahlen

Nach einer Wachstumsphase lagen die Polygrafenlehrverhältnisse über 4 Lehrjahre verteilt in der Schweiz 2001 bei 1168. Seither bewegen sich die Zahlen rückläufig (s. Grafik). 2001 wurden 345 neue Lehrverträge abgeschlossen. 2007 waren es noch 259, 53 in der Fachrichtung Mediengestaltung, 206 in der Fachrichtung Medienproduktion. Warum dieser Einbruch? Reagierten die Betriebe durch die neue Bildungsplanung zurückhaltend? Spiegelt der Rückgang den allgemeinen Rückgang des Personalbedarfs in der grafischen Branche? Die Fachrichtung Medienproduktion überwiegt bei weitem, in der Fachrichtung Mediengestaltung bestehen zu wenig Lehrverhältnisse, damit Schulklassen für die getrennte 2. Ausbildungshälfte gebildet werden können. Im Einzugsgebiet der Berufsfachschule Zürich wurden 2007 im ersten Jahrgang von 50 Lehrverhältnissen ganze 6 in der Fachrichtung Mediengestaltung abgeschlossen. 2008 wurden von 61 Lehrverhältnissen 8 in der Fachrichtung Mediengestaltung registriert.

 

Denken in alten Mustern

Die Macher des Bildungsplans und das BBT denken und handeln in Mustern der 70er-Jahre, auch wenn BiVo und Bildungsplan nach modernen Krite­rien erstellt wurden. Ein «eingefrästes» Denkmuster ist, dass die Lehrzeit 4 Jahre dauern muss. Dass sie im System Lehrbetrieb/Berufsfachschule/üK stattfinden muss. Verhärtete Denkmuster finden wir in der Verteidigung von Pfründen. Jeder schaut möglichst nur für sich. Niemand in der Praxis versteht, dass sich der Viscom (Schweizerischer Verband für visuelle Kommunikation, rund 700 Mitglieder) und der VSD (Verband Schweizer Druckindus­trie, rund 250 Mitglieder) in Ausbildungsfragen spinnefeind sind. Da wird Verbandspolitik auf dem Buckel junger Menschen getrieben, die eine Lehrstelle suchen.

 

Alte Zöpfe abschneiden

Während das neue Berufsbild Polygraf immer mehr aufgepumpt wurde, hat man es unterlassen, sich von Altlasten zu trennen. Ich komme nochmals aufs Thema Avor zu sprechen. Da werden in der Praxis seit etwa vier Jahren vornehmlich Bilder digital fotografiert oder angeliefert. Eine Avor wie zu Zeiten des Bleisatzes und der Trommelscanner erübrigt sich, weil man im Photoshop über alle Daten verfügt, die man benötigt: Auflösung, Ausgabegrösse, Profil. Man kann jederzeit Ausschnitte berechnen lassen. Es ist ein Blödsinn, das Bild farbig auszudrucken und auf dem Papier die Grös­se oder den Skalierungsfaktor anzuschreiben. Buchstaben in einem Manuskript zählen wirklich nur noch die dümmsten Jünger Gutenbergs zusammen, denn Word oder InDesign können dies schneller, besser und genauer. Solche alten Zöpfe muss man schnellstens abschneiden. Avor ist heute im Sinn von vorausschauender Arbeitsplanung zu verstehen: Welche Prozessschritte stehen an? Welche Programme kommen zum Einsatz? Wie bleibt die Arbeit korrekturfähig? Was muss im Vektor-, was im Pixelformat angelegt werden?

 

Fazit

Der sich selbst als «führender Branchenverband» deklarierende Viscom steht mit dem Bildungsplan für Polygrafen in der Verantwortung. Er hat den Karren mit Leistungszielen ziemlich überladen, die zudem nicht quantifiziert und somit nicht erreichbar sind. Allgemein gehaltene Formulierungen wie «ein bestimmtes Programm einsetzen» ist in der Praxis nicht umsetzbar. Auch in der Präzisierung des Modelllehrganges lässt der Viscom die Betriebe im Regen stehen. Es wird in keiner Art und Weise ausgedeutscht, was die theoretischen Vorstellungen im Detail bedeuten. Der Selbstversuch einer Deutung bringt Unsicherheiten und Wildwuchs, sie macht die Bemühungen des Bildungsplans nach Klarheit zunichte. Der Viscom muss das Berufsbild Polygraf (in einem betrieblichen Ausbildungslehrplan mit Arbeitsbeispielen) fertig ausformulieren und den Betrieben aufzeigen, wie sie alles in den rund 400 betrieblichen Lehrtagen (für BMS-Schüler) in der Festigungsstufe ausbilden können. Es geht um eine Optimierung der inhaltlichen Aufteilung der Ausbildung zwischen den drei Lehr­orten. Die Inselwelten müssen abgebaut werden, die Ausbildungsinhalte und Festigungsstufen sollten koordiniert und klar zugewiesen werden, damit die breite Grundbildung gewährleistet ist. Der Bildungsplan schreckt Kleinbetriebe ab, die das überladene Programm nicht ausbilden können, und eignet sich nicht, Agenturen oder grafische Ateliers zu vermehrter Ausbildung von Polygrafen zu gewinnen. Damit erreicht der Viscom genau das Gegenteil der politischen Forderung, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen.

Es fehlt zudem die Idee der qualifizierten Bildungswege, wie dies in anderen Branchen Standard ist. Es existiert kein koordiniertes Vorgehen für die Entwicklung eines betrieblichen Modelllehrganges und die Schulen und üKs interpretieren den Bildungsplan für ihre eigenen Stoffprogramme. Bilddatenerfassung kann so als Scannen oder als Digitalfotografie verstanden und geschult werden.

Heute stehen wir vor einem Flickenteppich aus reglementierter und freier Ausbildung mit einem grassierenden Kurs-, Tagungs- und Seminarwesen. Es gibt keine Branchenstandards in der Zertifizierung von Ausbildungen. Jede Berufsfachschule und jede Institution baut eigenständige Insellösungen auf und setzt eigene Messlatten. Gerade ein Bildungskonzept mit der Definition von Qualifikationen kann dem Bildungsmarkt ermöglichen, sich anerkannt und praxisgerecht einzubringen. Ein modulares Gesamtkonzept würde die Chance vergrössern, verwandte Berufe wie Grafiker, Multimediadesigner oder Werbetechniker einzubinden, um die Durchlässigkeit der Berufe zu ermöglichen. Es funk­tioniert nicht, einfach die Kernkompetenzen anderer Berufe dem Poly­grafen einzuverleiben.

Die Betriebe sind auf sich allein gestellt. Die Vernetzung hat bisher überhaupt nicht funktioniert, Berufsfachschule, üK und Betrieb sind Inseln und der Verbundgedanke ist in den Kinderschuhen stecken geblieben. Man wünscht sich mehr durchdachte Praxistauglichkeit und weniger Papier. Die eingesetzte Qualitätskommission hat es in der Hand – Korrekturen sind dringend nötig.

* Der Autor ist gelernter Schriftsetzer, dipl. Polygrafischer Techniker TGZ, dipl. PR-Berater; langjährige Erfahrung als Kursleiter und Referent; Fachbuchautor; Inhaber der Agenturtschi, visuelle Kommunikation, Adliswil; VSD-Mitglied; 4 Mitarbeitende, 1 lernende Polygrafin (Text) im 3. Bildungsjahr, 2009 1 lernender Polygraf (Mediengestaltung).

Thesen für die Grundbildung

Die Schaffung einer modernen und flexiblen Bildung für die Polygrafie muss auf die Bedürfnisse von Publishing 3.0 ausgerichtet werden. Siehe dazu Publisher Ausgabe 6/2008, Seite 24.

Die auszubildenden Themen werden im Berufsfeld des Polygrafen zukünftig noch breiter.

Der Automatisierungsgrad wird zukünftig immer höher, das heisst, dass es für die Bildreproduktion, die Zeitungsherstellung oder die PDF-Erzeugung immer weniger Fachwissen braucht. Es geschieht per Knopfdruck.

Die praktischen Fertigkeiten werden im Workflow immer durchlässiger. Die Lehrberufe Grafiker, Polygraf und Multimediagestalter weisen ­grosse Gemeinsamkeiten auf.

Auftraggeber sind in den Workflow immer stärker involviert.

Der Workflow ist nicht mehr ein Schritt-für-Schritt-Verfahren, es wird vermehrt zu gleichzeitigem Arbeiten im Netzwerk kommen. Das Netzwerk basiert auf dem Internet.

Viele Leistungen innerhalb des Workflows werden von externen Spe­zialisten erbracht werden, diese sind ortsunabhängig.

Wir werden den Berufsnachwuchs immer mehr über Quereinsteiger generieren.

Die Lehrbetriebe können nicht alles ausbilden, weil ihre Auftrags­struktur gegeben ist. Die Ausbildung muss auf mehr Schultern verteilt werden.

Die Ausbildungskräfte (Ausbildner, Lehrer, üK-Instruktoren) tendieren dazu, sich von der Praxis zu entfernen. Diese Tendenz besteht auch bei Funktionären, die Berufsbilder entwickeln.

Es braucht Anleitungen und Qualifikationsverfahren für betriebliche Ausbildner. Der Fähigkeitsausweis genügt nicht.

Was folgt

In den nächsten Publisher-Ausgaben ist vorgesehen, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Sie sind aufgefordert, Ihre Meinung zum Thema einzubringen: www.hilfdirselbst.ch/foren/Was_die_Branche_bewegt_Forum_46.html .

Im Mediaforum können Sie zudem an einer Barometer­umfrage teilnehmen: www.mediaforum.ch/barometer

Oder schreiben Sie an den Autor oder an den Verlag. E-Mail: turtschi@agenturtschi.ch, editor@publisher.ch

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