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Typografie Out of Monitor

Je digitaler und technischer die Welt des Grafkdesigns wird, desto weniger nutzt man leider die natürlichen ­Ressourcen, um zu gestalten und zu entwerfen. Lassen Sie sich von Typografie mit Spassfaktor verzaubern.

Ralf Turtschi «Ich habe eine Sauschrift, ich kann das nicht», mögen viele gedacht haben, die schon mit Kalligrafie in Berührung kamen. Kalligrafie stammt aus dem Griechischen (kállos = Schönheit, gráfeïn = schreiben) und meint die Kunst des Schönschreibens. Erst die Schreibmaschinen ab dem 19. Jahrhundert ermöglichten jedermann, maschinelle nicht handschriftliche Dokumente zu erstellen. In der Schule wird die Schnürlischrift oder die Linearschrift geübt, doch die eigene Handschrift rückt mit den Smartphones in den Hintergrund. Eigentlich doch schade, dass die persönliche Note auf dem iPhone nicht mitgegeben wird. Jedermann benützt die gleichen unpersönlichen Emoticons und sprachlichen Codierungen.

Fast genauso verhält es sich mit den typografischen Entwurfstechniken, die weltweit dem Vermögen oder dem Unvermögen der Software folgen. Wir Gestalter sind längst Sklaven der Programmierer! Wir machen meistens das, was die Software und unser Wissen darüber zulässt, und nicht das, wovon unsere Fantasie träumt.

Umso eher sollten wir uns besinnen, dass unser Hirn hoffentlich noch eine Liga höher spielt als die Technik. Man nutzt die Technik, deswegen muss man das Handwerk nicht einfach so beiseitelassen. Mit Handwerk sind hier alle möglichen Techniken gemeint, die ausserhalb des Computers stattfinden. Darunter fallen nicht nur Zeichnen und Malen mit Bleistift oder Farbe, auch Collagen, das Basteln, Sticken, Leimen oder der Umgang mit Papier, Schere, Draht, Schnüren usw.

Kalligrafie ist dafür vielleicht das falsche Wort, statt Schönschreiben handelt es sich eher um Handwerkskunst oder Kunsthandwerk, je nachdem wie mans sieht. Zugang haben aber nur Personen, welche diesen kreativen Teil überhaupt zulassen. In der Berufsbildung sollten solche Techniken gefördert werden, indem man als Aufgabensteller explizit einmal den Computer in der ersten Phase ausschliesst, dafür Materialien und Farben bereitstellt.

Es sei zum Beispiel das Wort Glückwünsche zu gestalten, ohne dass die Tastatur berührt wird. Erstaunlicherweise leistet in diesem Fall das Hirn allerlei Kapriolen, und im Nu ist mit Schere, Papier und anderen Materialien Glückwünsche gestaltet. Wahrscheinlich sogar schneller, als es mit dem Computer gegangen wäre. Wie kann man mit Wassertropfen Glückwünsche schreiben? Wie bringt man Wasserdampf auf eine Scheibe, um dann mit dem Finger Glückwünsche hineinzuschreiben? Wie viele Nägel braucht es, um Glückwünsche in ein Holzbrett zu hämmern?

Ohne Computer gestalten wir in jedem Fall ein Unikat, mit nichts zu vergleichen. Mangelnde Einzigartigkeit ist das Massenphänomen der Computertechnik. Wenn InDesign den Zeilenabstand mit «Autom.» vorgibt, dann werden halt die meisten Zeilenabstände so gesetzt, unabhängig davon, wie breit die Zeile läuft, wie die Strichstärke ist oder ob Serifen vorhanden sind oder nicht. Die oft von Kunden eingeforderte Einzigartigkeit in der typografischen Qualität lässt sich leichter ohne Computertechnik erreichen.

Handwerkliche Techniken schaffen Originale, die mehr mit Illustrationsgrafik als mit Typografie zu tun haben. Und doch sind sie ein Teilbereich in der kreativen Gestaltung, der leider ziemlich unter die Räder kam. Ich meine, es ist spannender und originaler, einen Schriftzug von Anfang an zu erträumen und herzustellen als eine gewöhnliche Schrift mit 50 Photoshop-Filtern und Transparenzfunktionen zu versehen.

Kreativität soll den Computer nicht meiden und umgekehrt. Die handwerkliche Fertigkeit bringt Originale, die mit der Computertechnik weiter fertiggestellt werden müssen. Es soll gescannt, fotografiert und integriert werden. Wie wirken sich Transparenz aus, wie sieht ein mit Kugelschreiber gezeichneter Schriftzug negativ aus? Mit Photoshop, Illustrator und InDesign verfügen wir heute über leistungsstarke Werkzeuge, die ein Vielfaches an Kreativität ermöglichen, die vor 20 Jahren nicht möglich war. Lassen Sie uns Hirn und Computer benützen.

Der Autor

Ralf Turtschi ist Typograf und dipl. PR-Berater. Er führt in Adliswil die Agenturtschi, visuelle Kommunikation. Der Verfasser von Büchern, Broschüren und zahlreichen Fachartikeln tritt auch als Referent und Schulungsleiter auf.

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