Datenjournalismus: Zahlen als Geschichten im Verlag

Datenjournalismus: Zahlen als Geschichten im Verlag

Datenjournalismus bezeichnet die journalistische Arbeitsweise, bei der grosse, oft unübersichtliche Datensätze recherchiert, ausgewertet und in verständliche, meist visuelle Geschichten übersetzt werden. Statt einer einzelnen Quelle oder einem einzelnen Interview bildet eine strukturierte Tabelle, eine offene Datenbank oder ein selbst erhobener Datensatz die Grundlage eines Beitrags.

Für Schweizer Verlage gewinnt diese Disziplin 2026 an Bedeutung, weil offene Verwaltungsdaten leichter zugänglich werden und Leserinnen und Leser zunehmend Grafiken und interaktive Elemente einer reinen Textwand vorziehen.

Vom Rohdatensatz zur Geschichte

Am Anfang jeder daten-journalistischen Recherche steht die Suche nach einer verlässlichen Quelle: amtliche Statistiken, offene Verwaltungsdaten, Studien von Hochschulen oder selbst durchgeführte Auswertungen, etwa von öffentlich einsehbaren Registern. Die Daten müssen bereinigt, auf Plausibilität geprüft und häufig mit einer zweiten Quelle abgeglichen werden, bevor eine Aussage redaktionell verantwortet werden kann. Erst danach folgt die eigentliche Übersetzungsarbeit: Eine Zahl wird zu einer Grafik, ein Trend über mehrere Jahre wird zu einer Zeitreihe, ein Vergleich zwischen Regionen wird zu einer Karte. Der World Press Trends Report von WAN-IFRA aus dem Jahr 2024 hält fest, dass visuelle und interaktive Aufbereitungen von Nachrichten bei jüngeren Lesergruppen deutlich besser ankommen als lange Fliesstexte – ein starkes Argument für den Ausbau daten-journalistischer Formate in der eigenen Redaktion.

Datenjournalismus in vier Schritten1QuelleVerlässliche Daten findenAmtliche Statistik oder offene DatenbankZweite Quelle bestätigt die Zahl2BereinigungDaten prüfen und ordnenAusreisser und Fehler werden entferntPlausibilität vor Veröffentlichung sichern3VisualisierungZahl wird zur GrafikZeitreihe, Karte oder VergleichsgrafikKlarheit vor grafischer Verspieltheit4PrüfungZweite Person kontrolliertAchsen, Rundung und Beschriftung checkenMethodik transparent dokumentierenpublisher.ch

Datenjournalismus im Redaktionsalltag etablieren

In der Praxis beginnt Datenjournalismus selten mit einer grossen Investigativ-Recherche, sondern mit kleinen, wiederkehrenden Formaten: einer monatlichen Auswertung der Immobilienpreise einer Region, einer saisonalen Übersicht zu Veranstaltungen oder einer einfachen Grafik zu einer aktuellen Studie. Wichtig ist die enge Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Grafik und – sofern vorhanden – einer technisch versierten Person, die Daten aufbereiten und einfache Visualisierungstools bedienen kann. Viele Häuser lösen das ohne eigene Entwicklerstelle, indem sie auf schlanke, browserbasierte Werkzeuge setzen, die sich in bestehende Redaktionssysteme einbinden lassen. Diese Entwicklung ist Teil eines breiteren Trends: Auch bei der Verlagstechnologie, die den Markt aktuell prägt, setzen sich schlanke, browserbasierte Tools zunehmend gegenüber grossen Individuallösungen durch. Laut einer Erhebung des Verbands Schweizer Medien aus dem Jahr 2025 setzt bereits rund ein Drittel der Redaktionen regelmässig auf datenbasierte Formate, mit weiter steigender Tendenz bis 2026. Wer bereits KI-Tools im kreativen Schaffensprozess einsetzt, kann Teile der Datenaufbereitung zusätzlich beschleunigen, etwa beim Zusammenfassen grosser Tabellen oder beim ersten Entwurf einer Grafikbeschriftung.

Werkzeuge und Qualitätssicherung im Datenjournalismus

Wer dauerhaft datenbasiert arbeiten will, braucht klare Standards: eine dokumentierte Quelle für jede Zahl, eine nachvollziehbare Methodik und eine zweite Person, die Berechnungen vor der Veröffentlichung gegenprüft. Gerade bei automatisiert generierten Grafiken schleichen sich sonst leicht Rundungsfehler oder falsch beschriftete Achsen ein, die das Vertrauen der Leserschaft schneller beschädigen als ein einzelner Tippfehler im Text. Bewährt hat sich zudem eine enge Verzahnung mit der IT-Abteilung, damit Datenquellen zuverlässig aktualisiert werden und Visualisierungen nicht bei jedem Software-Update neu aufgesetzt werden müssen. Redaktionen, die ihre IT-Tools für Redaktionen ohnehin regelmässig evaluieren, sollten Visualisierungssoftware von Anfang an in diesen Prozess einbeziehen, statt sie als isoliertes Spezialwerkzeug einer einzelnen Person zu behandeln.

FAQ

Braucht Datenjournalismus zwingend Programmierkenntnisse?

Nein. Viele Grundformate lassen sich mit Tabellenkalkulation und browserbasierten Visualisierungstools umsetzen. Programmierkenntnisse helfen bei komplexeren Auswertungen, sind für den Einstieg aber keine Voraussetzung.

Welche Datenquellen eignen sich für den Einstieg?

Amtliche Statistiken, offene Verwaltungsdaten und Studien von Hochschulen bieten verlässliche, meist kostenlose Grundlagen. Sie sind in der Regel gut dokumentiert und lassen sich journalistisch sauber referenzieren.

Wie viel Personal braucht ein daten-journalistisches Format?

Für regelmässige, einfache Formate genügt oft eine Person mit Grundkenntnissen in Tabellenkalkulation und Visualisierung. Komplexere Projekte profitieren von einer festen Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Technik.

Wie lässt sich die Qualität der Auswertung sichern?

Eine zweite Person sollte Berechnungen und Beschriftungen vor der Veröffentlichung gegenprüfen. Zusätzlich hilft eine offene Dokumentation von Quelle und Methodik, damit Leserinnen und Leser die Auswertung nachvollziehen können.

Fazit

Datenjournalismus verwandelt trockene Zahlen in Geschichten, die Leserinnen und Leser schneller erfassen als lange Fliesstexte, und stärkt damit die Glaubwürdigkeit einer Redaktion. Der Einstieg gelingt am besten über kleine, wiederkehrende Formate statt über ein einzelnes grosses Investigativprojekt. Tragfähig wird diese Arbeit erst durch verlässliche Quellen und eine dokumentierte Methodik, dazu eine enge Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Technik. Wer klein beginnt und die ersten Formate sauber dokumentiert, baut Schritt für Schritt eine Routine auf, die sich 2026 ohne grossen Mehraufwand auf weitere Themenfelder der Redaktion übertragen lässt.

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